← Blog

Renovieren oder verkaufen? Die richtige Entscheidung

·8 Min. Lesezeit

Familie Bühler steht vor einer Entscheidung, die vielen Immobilienbesitzern irgendwann bevorsteht. Ihr Mehrfamilienhaus in Aarau, Baujahr 1978, hat sie 22 Jahre lang zuverlässig begleitet. Sechs Wohnungen, alle vermietet, solider Cashflow. Doch jetzt häufen sich die Probleme. Die Ölheizung ist am Ende ihrer Lebensdauer. Die Fassade bröckelt. Einzelne Fenster sind undicht. Der Sanitärinstallateur hat beim letzten Einsatz den Kopf geschüttelt und gesagt: «Diese Leitungen halten vielleicht noch drei, vier Jahre.»

Der Architekt hat eine Schätzung gemacht: CHF 280'000 für eine umfassende Sanierung. Heizungsersatz (Wärmepumpe), Fassadendämmung, neue Fenster, Teilerneuerung der Sanitärleitungen. Familie Bühler hat das Geld nicht auf dem Konto. Sie müsste die Hypothek aufstocken oder einen Teil des Eigenkapitals aus einer anderen Anlage abziehen.

Die Alternative: Verkaufen. Das Haus in seinem aktuellen Zustand, mit Sanierungsbedarf, und das Kapital anders anlegen. Oder einen Käufer finden, der die Sanierung selbst übernimmt.

Was ist die richtige Entscheidung? Es gibt keine pauschale Antwort. Aber es gibt ein strukturiertes Vorgehen, das dir hilft, die Frage für deine Situation zu beantworten.


Schritt 1: Den Sanierungsbedarf ehrlich einschätzen

Bevor du über Renovieren oder Verkaufen nachdenkst, musst du den tatsächlichen Zustand des Gebäudes verstehen. Nicht ungefähr, sondern systematisch.

Unterscheide zwischen drei Arten von Sanierungsbedarf:

Dringend (innerhalb von 1-2 Jahren)

  • Defekte Heizung
  • Undichtes Dach
  • Schimmelbefall
  • Schadhafte Elektroinstallation
  • Liftanlage mit Sicherheitsmängeln

Mittelfristig (3-5 Jahre)

  • Veraltete Küchen und Bäder
  • Fassadendämmung
  • Fensterersatz
  • Sanitärleitungen

Langfristig (5-10 Jahre)

  • Ästhetische Aufwertung
  • Balkonvergrösserungen
  • Grundrissveränderungen
  • Ausbau Dachgeschoss

Bei Familie Bühler fällt die Heizung in die Kategorie «dringend», Fassade und Fenster sind «mittelfristig», und die Sanitärleitungen bewegen sich an der Grenze. Die Gesamtrechnung von CHF 280'000 umfasst also Massnahmen mit unterschiedlicher Dringlichkeit.

Wichtig: Lass den Sanierungsbedarf von einem unabhängigen Baufachmann einschätzen, nicht vom Makler, der das Haus verkaufen möchte, und nicht vom Handwerker, der den Auftrag haben will.


Schritt 2: Den ROI der Renovation berechnen

Die zentrale Frage lautet: Bringt die Investition von CHF 280'000 genug Mehrwert, damit sie sich lohnt? Dafür musst du zwei Dinge berechnen: die Auswirkung auf die Mieteinnahmen und die Auswirkung auf den Verkehrswert.

Mieteinnahmen nach der Sanierung

In der Schweiz darfst du wertvermehrende Investitionen anteilig auf die Miete umlegen. Die Faustregel: 50 bis 70% der Investitionskosten gelten als wertvermehrend (der Rest als werterhaltend). Vom wertvermehrenden Anteil darfst du jährlich einen bestimmten Prozentsatz auf die Mieten aufschlagen.

Rechnung für Familie Bühler:

  • Sanierungskosten: CHF 280'000
  • Geschätzter wertvermehrender Anteil (60%): CHF 168'000
  • Zulässige jährliche Mieterhöhung (Richtwert 3-4% des wertvermehrenden Anteils): CHF 5'040 bis CHF 6'720
  • Aktuelle Jahresmieteinnahmen: CHF 108'000
  • Neue Jahresmieteinnahmen: CHF 113'040 bis CHF 114'720

Das ergibt eine Mehrmieteinnahme von rund CHF 5'000 bis CHF 6'700 pro Jahr. Bei einer Investition von CHF 280'000 entspricht das einer Rendite auf die Sanierungskosten von 1.8 bis 2.4%. Das klingt mager, ist aber nur ein Teil der Rechnung.

Verkehrswert nach der Sanierung

Ein saniertes Gebäude ist mehr wert als ein unsaniertes. Wie viel mehr, hängt von der Lage und der Art der Sanierung ab. Typische Richtwerte:

  • Heizungsersatz (fossil auf erneuerbar): Wertsteigerung von 50 bis 80% der Investition
  • Fassadendämmung: Wertsteigerung von 40 bis 60%
  • Fensterersatz: Wertsteigerung von 50 bis 70%
  • Küchenrenovation: Wertsteigerung von 30 bis 50%
  • Badezimmerrenovation: Wertsteigerung von 30 bis 50%

Für Familie Bühler:

  • Investition: CHF 280'000
  • Geschätzte Wertsteigerung (60% im Mittel): CHF 168'000
  • Verkehrswert vor Sanierung: CHF 2'100'000
  • Geschätzter Verkehrswert nach Sanierung: CHF 2'268'000

Die Sanierung generiert also sowohl laufende Mehrmieteinnahmen als auch eine Wertsteigerung. Die Gesamtrendite ergibt sich aus beidem.


Schritt 3: Die Opportunitätskosten berechnen

Jetzt wird es interessant. Die CHF 280'000, die in die Sanierung fliessen, könnten auch anders eingesetzt werden. Das sind die Opportunitätskosten.

Szenario A: Renovieren

  • Investition: CHF 280'000
  • Jährliche Mehrmieteinnahme: CHF 6'000
  • Wertsteigerung: CHF 168'000
  • Gesamtertrag über 10 Jahre: CHF 60'000 (Miete) + CHF 168'000 (Wert) = CHF 228'000
  • Rendite auf 10 Jahre: ca. 8.1% p.a. (vereinfacht)

Szenario B: Verkaufen und neu investieren

  • Verkaufserlös (abzgl. Hypothek und Steuern): angenommen CHF 800'000 freies Kapital
  • Bei Reinvestition in ein neueres Objekt mit 4% Nettorendite: CHF 32'000 p.a.
  • Oder bei Anlage in ETFs (historisch 6-7% p.a.): CHF 48'000 bis CHF 56'000 p.a.

Szenario C: Verkaufen ohne Sanierung

  • Verkaufserlös mit Abschlag wegen Sanierungsbedarf: CHF 700'000 freies Kapital
  • Abschlag von CHF 100'000 gegenüber saniertem Zustand
  • Bei Reinvestition mit 4% Nettorendite: CHF 28'000 p.a.

Dieser Vergleich zeigt: Die reine Sanierungsrendite ist oft tiefer als alternative Anlagen. Der Vorteil der Sanierung liegt darin, dass du das bestehende Objekt behältst, die Mieterbeziehungen fortführst und keine Transaktionskosten bezahlst (Handänderungssteuer, Grundstückgewinnsteuer, Maklergebühren).


Schritt 4: Steuerliche Auswirkungen verstehen

Bei der Entscheidung «Renovieren oder Verkaufen» spielen Steuern eine wesentliche Rolle. Und hier wird es in der Schweiz komplex.

Steuern bei Renovation

Renovationskosten lassen sich steuerlich geltend machen, aber nicht alle gleich:

  • Werterhaltende Investitionen (z.B. Heizungsreparatur, Malerarbeiten, Ersatz gleichwertiger Komponenten): Vollständig vom steuerbaren Einkommen abziehbar, im Jahr der Ausgabe.
  • Wertvermehrende Investitionen (z.B. Anbau, Aufstockung, energetische Verbesserung über den bisherigen Standard hinaus): Nicht abziehbar, erhöhen aber die Anlagekosten und reduzieren bei einem späteren Verkauf die Grundstückgewinnsteuer.
  • Energetische Sanierungen: In vielen Kantonen vollständig abziehbar, auch wenn sie wertvermehrend sind. Der Wechsel von Öl auf Wärmepumpe fällt oft in diese Kategorie.

Bei CHF 280'000 Sanierungskosten und einem geschätzten steuerlich abziehbaren Anteil von 50% (CHF 140'000) ergibt sich bei einem Grenzsteuersatz von 35% eine Steuerersparnis von rund CHF 49'000. Das ist ein erheblicher Betrag, der die Nettoinvestition auf CHF 231'000 senkt.

Tipp: Du kannst die Sanierung über zwei Steuerjahre verteilen, um die Progression optimal zu nutzen. Mehr zu den steuerlichen Aspekten findest du in unserem Artikel über Steuern bei Renditeliegenschaften.

Steuern bei Verkauf

Beim Verkauf fällt die Grundstückgewinnsteuer an. Diese besteuert die Differenz zwischen Anlagekosten (Kaufpreis + wertvermehrende Investitionen) und Verkaufserlös. Die Steuer ist progressiv und sinkt mit der Haltedauer.

Bei Familie Bühler (22 Jahre Haltedauer) wäre der Satz relativ tief, aber bei einem geschätzten Grundstückgewinn von CHF 600'000 immer noch substanziell. Je nach Kanton können das CHF 60'000 bis CHF 120'000 sein.

Fazit Steuern: Die Sanierung bietet sofortige Steuervorteile (Abzüge). Der Verkauf löst eine Grundstückgewinnsteuer aus. Steuerlich spricht in den meisten Fällen mehr für die Sanierung, zumindest solange man das Objekt langfristig halten will.


Das Entscheidungsframework

Fassen wir die Entscheidungskriterien in einem strukturierten Framework zusammen:

Renovieren ist die bessere Wahl, wenn:

  • ✅ Die Lage des Objekts langfristig attraktiv ist (stabile oder wachsende Nachfrage)
  • ✅ Die Sanierungskosten in einem vernünftigen Verhältnis zum Gebäudewert stehen (unter 15-20%)
  • ✅ Die Finanzierung der Sanierung gesichert ist (Eigenkapital oder Hypothekenaufstockung)
  • ✅ Die Tragbarkeit auch nach der Aufstockung erfüllt bleibt
  • ✅ Steuerliche Abzüge die Nettoinvestition deutlich senken
  • ✅ Du das Objekt noch mindestens 10 Jahre halten willst
  • ✅ Die Mieterstruktur gut ist und du die Mieterbeziehungen erhalten willst

Verkaufen ist die bessere Wahl, wenn:

  • ✅ Die Lage langfristig an Attraktivität verliert (Abwanderung, Überangebot)
  • ✅ Die Sanierungskosten unverhältnismässig hoch sind (über 20-25% des Gebäudewerts)
  • ✅ Du das Kapital anderweitig besser einsetzen kannst
  • ✅ Die Haltedauer lang genug ist, um von einer tiefen Grundstückgewinnsteuer zu profitieren
  • ✅ Du dich nicht mehr mit Immobilien beschäftigen willst
  • ✅ Es gravierende strukturelle Probleme gibt (Bausubstanz, Altlasten, rechtliche Einschränkungen)

Was Familie Bühler entschieden hat

Nach einer gründlichen Analyse entschied sich Familie Bühler für eine etappenweise Sanierung. Statt alle CHF 280'000 auf einmal zu investieren, priorisieren sie:

  1. Jahr 1: Heizungsersatz (Wärmepumpe) für CHF 85'000. Dringend, energetisch vorteilhaft, vollständig steuerlich abziehbar, Förderbeiträge von CHF 15'000.
  2. Jahr 2: Fassadendämmung und Fensterersatz für CHF 155'000. Über zwei Steuerjahre verteilt, um die Progression optimal zu nutzen.
  3. Jahr 3-4: Sanitärleitungen nach Bedarf erneuern, CHF 40'000 bis CHF 60'000.

Dieser Ansatz hat mehrere Vorteile: Die steuerliche Belastung wird über mehrere Jahre verteilt, die Finanzierung ist einfacher zu stemmen, und die Mieterhöhungen können schrittweise umgesetzt werden, was für die Mieter akzeptabler ist.

Die Gesamtrechnung für dein eigenes Objekt kannst du im immometrics Prognose-Rechner durchspielen. Gib die Sanierungskosten als zukünftige Investition ein und sieh, wie sich der Cashflow über die Jahre verändert.


Häufig gestellte Fragen

Wie berechne ich, ob sich eine Renovation meiner Renditeliegenschaft lohnt?

Berechne zuerst die erwartete Mieterhöhung nach der Sanierung (wertvermehrender Anteil × 3-4% p.a.) und die geschätzte Wertsteigerung des Objekts. Ziehe dann die steuerlichen Vorteile ab (abziehbare Kosten × deinen Grenzsteuersatz). Vergleiche die Gesamtrendite mit alternativen Anlagen. Als Faustregel gilt: Wenn die Sanierungskosten unter 15% des Gebäudewerts liegen und die Lage langfristig gut ist, lohnt sich die Renovation in den meisten Fällen. Nutze den immometrics Rechner für eine detaillierte Cashflow-Prognose mit und ohne Sanierung.

Welche Renovationen bringen die höchste Rendite?

Energetische Sanierungen (Heizungsersatz, Dämmung) bieten das beste Verhältnis aus Wertsteigerung, Mieterhöhungspotenzial und Steuervorteilen, besonders weil viele Kantone Förderbeiträge gewähren. Küchen- und Badrenovationen haben eine hohe Wirkung auf die Vermietbarkeit, aber eine geringere Wertsteigerung im Verhältnis zu den Kosten. Rein ästhetische Massnahmen (neue Böden, Malerarbeiten) haben die tiefste Rendite, können aber Leerstand verhindern.

Kann ich die Sanierungskosten vollständig von den Steuern abziehen?

Nein, nur werterhaltende Kosten sind direkt vom Einkommen abziehbar. Wertvermehrende Investitionen erhöhen die Anlagekosten und reduzieren eine spätere Grundstückgewinnsteuer. Eine wichtige Ausnahme: Energetische Sanierungsmassnahmen sind in vielen Kantonen auch dann abziehbar, wenn sie wertvermehrend sind. Lass die Aufteilung von einem Steuerberater vornehmen. Mehr Details findest du in unserem Steuer-Artikel.

Wie wirkt sich der Verkauf auf die Grundstückgewinnsteuer aus?

Die Grundstückgewinnsteuer besteuert die Differenz zwischen deinen Anlagekosten (Kaufpreis plus wertvermehrende Investitionen) und dem Verkaufserlös. Der Steuersatz sinkt mit der Haltedauer. Nach 20 bis 25 Jahren ist der Satz in den meisten Kantonen deutlich reduziert. Trotzdem kann die Steuer bei hohen Gewinnen erheblich ausfallen. Bei einem Grundstückgewinn von CHF 500'000 und einer Haltedauer von 20 Jahren musst du je nach Kanton mit CHF 50'000 bis CHF 100'000 Grundstückgewinnsteuer rechnen.

Berechne jetzt die Rendite deiner Liegenschaft

Kostenlos. Keine Registrierung nötig.

Jetzt analysieren