Tragbarkeit bei Renditeobjekten: So rechnet die Bank
Du hast eine attraktive Renditeliegenschaft gefunden, die Zahlen stimmen, der Cashflow sieht gut aus — und dann lehnt die Bank die Finanzierung ab. Der Grund: die Tragbarkeit ist nicht erfüllt. Das passiert häufiger als man denkt, besonders bei Renditeobjekten. In diesem Artikel erfährst du, wie Schweizer Banken die Tragbarkeit berechnen, welche Sonderregeln für Renditeliegenschaften gelten und was du tun kannst, wenn es knapp wird.
Was bedeutet Tragbarkeit?
Die Tragbarkeit ist die zentrale Prüfung, die jede Schweizer Bank durchführt, bevor sie eine Hypothek gewährt. Sie beantwortet eine einfache Frage: Kannst du die laufenden Kosten dieser Liegenschaft langfristig tragen — auch wenn die Zinsen steigen?
Entscheidend ist das Wort «langfristig». Die Bank rechnet nicht mit dem aktuellen Marktzins von vielleicht 1.5–2%, sondern mit einem deutlich höheren kalkulatorischen Zinssatz. So wird sichergestellt, dass du auch in einem Hochzinsszenario nicht in finanzielle Schwierigkeiten gerätst.
Die Tragbarkeit muss zwingend erfüllt sein, bevor du eine Hypothek erhältst. Ein hoher Eigenkapitalanteil allein reicht nicht. Selbst wer 40% Eigenkapital einbringt, bekommt keine Hypothek, wenn die Tragbarkeit nicht stimmt.
Die 33%-Regel erklärt
Die Faustregel der Schweizer Banken lautet:
Die jährlichen kalkulatorischen Wohnkosten dürfen maximal 33% des Bruttoeinkommens betragen.
Das bedeutet: Die Bank nimmt dein Bruttojahreseinkommen, berechnet ein Drittel davon — und prüft, ob die kalkulatorischen Kosten der Liegenschaft darunter liegen.
Was zählt zum Bruttoeinkommen?
- Lohn (100% des festen Einkommens)
- Bonus (oft nur 50–80% angerechnet)
- Einkommen des Partners (bei solidarischer Haftung)
- Bei Renditeliegenschaften: ein Teil der Mieteinnahmen (dazu gleich mehr)
Was zählt zu den kalkulatorischen Wohnkosten?
- Kalkulatorische Hypothekarzinsen (5% auf die gesamte Hypothek)
- Amortisation der 2. Hypothek (1% der Hypothekarsumme oder linear auf 15 Jahre)
- Unterhalts- und Nebenkosten (pauschal 1% des Kaufpreises pro Jahr)
Wichtig: Die Bank rechnet mit dem kalkulatorischen Zins, nicht mit dem tatsächlichen Zins deiner Hypothek. Das ist ein entscheidender Unterschied.
Kalkulatorischer Zinssatz: Warum 5%?
Der kalkulatorische Zinssatz liegt bei den meisten Schweizer Banken bei 4.5–5%. Er orientiert sich am langfristigen Durchschnitt der Hypothekarzinsen über die letzten 30–40 Jahre.
Warum nicht den aktuellen Zins?
Eine Hypothek läuft typischerweise 15–25 Jahre. In dieser Zeit können die Zinsen massiv steigen. Wer heute eine 10-jährige Festhypothek zu 1.8% abschliesst, muss bei der Erneuerung möglicherweise 4% oder mehr bezahlen. Der kalkulatorische Zins stellt sicher, dass du auch in diesem Szenario zahlungsfähig bleibst.
Die FINMA (Eidgenössische Finanzmarktaufsicht) gibt den regulatorischen Rahmen vor. Die konkrete Ausgestaltung liegt bei den Banken und der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBVg), die Richtlinien zur Hypothekarfinanzierung erlässt.
Manche Banken rechnen mit 4.5%, andere mit 5.0%. Einzelne Institute haben den kalkulatorischen Zins in den letzten Jahren leicht angepasst. Als Investor solltest du immer vom Worst Case ausgehen und mit 5% rechnen — dann bist du auf der sicheren Seite, egal zu welcher Bank du gehst.
Übrigens: Der kalkulatorische Zins bedeutet nicht, dass du tatsächlich 5% Zinsen bezahlst. Er ist nur ein Rechenparameter für die Tragbarkeitsprüfung. Dein tatsächlicher Hypothekarzins wird deutlich tiefer sein.
H1 und H2: Aufteilung und Amortisation
Schweizer Hypotheken werden standardmässig in zwei Tranchen aufgeteilt:
1. Hypothek (H1)
- Bis 50% des Belehnungswerts (bei Renditeliegenschaften: des tieferen Werts aus Kaufpreis und Bankschätzung)
- Keine Amortisationspflicht
- Tieferer Zinssatz, da geringeres Risiko für die Bank
2. Hypothek (H2)
- Von 50% bis 75% des Belehnungswerts
- Muss amortisiert werden — innert 15 Jahren oder bis zur Pensionierung
- Leicht höherer Zinssatz
Beispiel bei einem Kaufpreis von CHF 1'000'000:
| Tranche | Betrag | Amortisation |
|---|---|---|
| H1 (50%) | CHF 500'000 | Keine |
| H2 (50–75%) | CHF 250'000 | CHF 16'667/Jahr (über 15 Jahre) |
| Eigenkapital (25%) | CHF 250'000 | — |
Die Amortisation der H2 wird bei der Tragbarkeitsberechnung als Ausgabe berücksichtigt.
Besonderheiten bei Renditeliegenschaften
Die Tragbarkeitsberechnung für Renditeliegenschaften unterscheidet sich in wichtigen Punkten von der für selbstbewohntes Eigentum:
1. Höherer Eigenkapitalanteil
Bei Renditeliegenschaften verlangen die meisten Banken mindestens 25% Eigenkapital (statt 20% bei Eigenheimen). Einige Banken fordern sogar 30–35%. Zudem muss das gesamte Eigenkapital «hart» sein — Pensionskassengelder werden bei Renditeobjekten in der Regel nicht akzeptiert.
2. Anrechnung der Mieteinnahmen
Hier liegt der grösste Unterschied: Bei Renditeliegenschaften werden die Mieteinnahmen teilweise als Einkommen angerechnet. Die Bank kürzt die Mieten aber um einen Sicherheitsabschlag:
- Typisch: 70–80% der Nettomiete werden als Einkommen angerechnet
- Der Abschlag berücksichtigt Leerstand, Mietausfälle und Unterhaltskosten
- Manche Banken rechnen nur 60% an, insbesondere bei älteren Liegenschaften
Das ist entscheidend: Ohne Mietanrechnung wäre die Tragbarkeit bei Renditeliegenschaften fast nie erfüllt, weil die kalkulatorischen Kosten bei hohen Kaufpreisen enorm sind.
Tipp: Frage die Bank im Voraus, wie hoch die Mietanrechnung ist. Der Unterschied zwischen 60% und 80% kann entscheiden, ob die Finanzierung bewilligt wird oder nicht. Online-Banken und Versicherungen bieten teilweise grosszügigere Konditionen als klassische Kantonalbanken.
3. Strengere Bankschätzung
Banken schätzen Renditeliegenschaften auf Basis der Mieteinnahmen (Ertragswertmethode). Der Belehnungswert ist der tiefere Wert aus Kaufpreis und Bankschätzung. Liegt die Bankschätzung unter dem Kaufpreis, musst du die Differenz zusätzlich als Eigenkapital aufbringen.
Rechenbeispiel: Ist das Objekt tragbar?
Schauen wir uns ein konkretes Beispiel an:
Ausgangslage:
- Kaufpreis: CHF 1'100'000
- Bankschätzung: CHF 1'050'000 (massgebend, da tiefer)
- Eigenkapital: CHF 275'000 (25% von CHF 1'100'000, plus CHF 12'500 für Differenz)
- Hypothek: CHF 787'500 (75% von CHF 1'050'000)
- Nettomieteinnahmen: CHF 52'800/Jahr
- Bruttoeinkommen Käufer: CHF 140'000/Jahr
Schritt 1: Kalkulatorische Kosten berechnen
| Position | Berechnung | Betrag |
|---|---|---|
| Kalkulatorischer Zins (5%) | 5% × CHF 787'500 | CHF 39'375 |
| Amortisation H2 | 1% × CHF 787'500 | CHF 7'875 |
| Unterhalt & NK | 1% × CHF 1'050'000 | CHF 10'500 |
| Total kalkulatorische Kosten | CHF 57'750 |
Schritt 2: Einkommen bestimmen
| Position | Berechnung | Betrag |
|---|---|---|
| Bruttoeinkommen | CHF 140'000 | |
| Mietanrechnung (75%) | 75% × CHF 52'800 | CHF 39'600 |
| Total anrechenbares Einkommen | CHF 179'600 |
Schritt 3: Tragbarkeit prüfen
Tragbarkeitsquote = CHF 57'750 / CHF 179'600 × 100 = 32.2%
Die Tragbarkeitsquote liegt bei 32.2% — also knapp unter der 33%-Grenze. Das Objekt ist tragbar. Aber es gibt kaum Spielraum.
Ohne die Mietanrechnung sähe es ganz anders aus: CHF 57'750 / CHF 140'000 = 41.3% — weit über der Grenze.
Was tun, wenn die Tragbarkeit nicht erfüllt ist?
1. Mehr Eigenkapital einbringen
Mehr Eigenkapital bedeutet eine kleinere Hypothek und damit tiefere kalkulatorische Kosten. Wer statt 25% beispielsweise 35% einbringt, reduziert die Hypothek erheblich.
2. Zweite Person einbeziehen
Durch einen Mitinvestor oder Ehepartner als solidarisch haftende Person steigt das anrechenbare Einkommen.
3. Bank wechseln
Nicht alle Banken rechnen gleich. Die Mietanrechnung variiert zwischen 60% und 80%, der kalkulatorische Zins zwischen 4.5% und 5%. Ein Vergleich lohnt sich.
4. Günstigeres Objekt suchen
Manchmal ist die ehrlichste Antwort: Das Objekt passt nicht zur finanziellen Situation. Ein kleineres oder günstigeres Objekt kann die bessere Wahl sein — mit gesundem Puffer statt enger Tragbarkeit.
5. Einkommen steigern
Nicht über Nacht machbar, aber mittelfristig relevant: Ein höheres Einkommen verbessert die Tragbarkeit direkt. Auch ein Nebeneinkommen oder Mieteinnahmen aus einer bestehenden Liegenschaft können helfen.
6. Kaufpreis verhandeln
Ein tieferer Kaufpreis wirkt doppelt: Weniger Eigenkapital nötig und tiefere kalkulatorische Kosten. Gerade im aktuellen Markt sind Preisverhandlungen bei Renditeliegenschaften realistischer als bei Eigenheimen.
7. Indirekte Amortisation statt direkte
Bei der indirekten Amortisation zahlst du nicht direkt die Hypothek zurück, sondern zahlst in eine Säule-3a-Lösung ein. Die Hypothek bleibt gleich hoch, was steuerlich vorteilhaft ist (höhere Schuldzinsabzüge). Gleichzeitig wird die 3a-Einzahlung bei der Tragbarkeit aber unter Umständen als Vermögenszuwachs betrachtet. Frage deine Bank, ob indirekte Amortisation akzeptiert wird und wie sie die Tragbarkeit beeinflusst.
Tragbarkeit bei mehreren Liegenschaften
Wenn du bereits eine oder mehrere Renditeliegenschaften besitzt, wird die Tragbarkeitsberechnung komplexer. Die Bank betrachtet dein gesamtes Immobilienportfolio:
- Bestehende Hypotheken und deren kalkulatorische Kosten werden addiert
- Bestehende Mieteinnahmen (mit Abschlag) werden zum Einkommen gezählt
- Die Gesamtbelastung muss unter 33% des Gesamteinkommens bleiben
Das kann ein Vorteil sein: Wenn deine bestehenden Liegenschaften gut vermietet sind, stärken sie dein Einkommensprofil. Es kann aber auch zum Nachteil werden, wenn ältere Objekte hohe kalkulatorische Kosten verursachen.
Tragbarkeit und Cashflow: Zwei verschiedene Welten
Ein häufiges Missverständnis: «Wenn der Cashflow positiv ist, ist die Tragbarkeit automatisch erfüllt.» Das stimmt nicht.
Die Tragbarkeit rechnet mit dem kalkulatorischen Zins (5%), nicht mit dem tatsächlichen. Ein Objekt kann einen wunderbar positiven Cashflow haben (weil der aktuelle Zins bei 1.8% liegt) und trotzdem die Tragbarkeit nicht erfüllen (weil 5% kalkulatorischer Zins die Rechnung sprengt).
Umgekehrt: Die Tragbarkeit sagt nichts über den tatsächlichen Cashflow. Sie ist ein Stresstest, kein Abbild der Realität.
Die Rendite des Objekts — also Brutto-, Netto- und Eigenkapitalrendite — ist wiederum eine dritte Perspektive, die von der Tragbarkeit unabhängig ist.
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